Darmstadt als Treffpunkt der Wellenreiter

“Es geht vor allem darum, sein Leben so zu planen, daß man möglichst lange Zeit am Meer ist.” Das sagt Ralf Wittwer, ein Wellenreiter aus – sein Pech – Darmstadt. In Los Angeles richten sich die Surfer Hütten direkt am Strand ein, damit sie die besten Wellen nicht verpassen, aber in Darmstadt sind Strände noch seltener als gutes Wetter, und deshlab hat Ralf Wittwer erst einmal einen Stammtisch in einer Kneipe am Woog, dem städtischen Badesee eingerichtet. Dort treffen sich die Wellenreiter mit ihren Entzugserscheinungen einmal im Monat, alles Mitglieder des in Darmstadt ansässigen Surfvereins “A 5 Surf Lcoals”, des mitgliederstärksten Clubs im Deutschen Wellenreitverband. Rund 25 Surfer gehören ihm an – und alle interessiert nur das eine: Wo in aller Welt gibt es die besten Surfspots, wo die besten Strände, wo die besten Wellen ?

Doch die südhessischen Surfer können nicht nur große Worte schwingen, sie lassen auch Tatan folgen: Vor zwei Wochen haben sie am Strand von Moliets an der französichen Atlantikküste die “A5 Surf Challenge” veranstaltet. Immerhin 18 Surfer aus Deutschland, der Schweiz, Südafrika und Frankreich nahmen teil. Der deutsche Ranglisten-Surfer Quirin Rohleder war ebenso am Start wie der Südafrikanische Finnenhersteller Collin Peterson, bei dem schon Surfweltmeister Kelly Slater ein paar Bretter bestellt hat. Dazwischen surften die A5 SurfLocals und einige ortsansässige vom Surfclub Moliets.

Bewertet werden bei den Wettkämpfen die Manöver im kritischen Teil der Welle. Dabei soll kraftvoll mit hoher Geschwindigkeit in den größten und besten Wellen die längstmögliche Distanz gefahren werden. Auf Platz eins setzte sich – wie es zu erwarten war – Quirin Rohleder gegenüber Thomas Cottin und Fabian Neuberger durch. Ulli Scherb, Gründungsmitglieder der A5 SurfLocals, hielt auf dem 4. Platz die Fahne des Vereins hoch.

Die A5 Surf Challenge war die erste Verantsaltung des Darmstädter Vereins, und es wird nicht die letzte bleiben, “denn”, so Ralf Wittwer, ” auch die Franzosen habensich über ein solches Ereignis direkt vor Ihrer Tür gefreut”. Daß das Verhältnis zwischen deutschen Touristen-Surfern und den französischen Locals oft nicht frei von Spannungen ist, ist am Strand von Moliets kein Geheimnis. Ralf Wittwer hofft jetzt, “daß der Contest ,einen freundschaftlicheren Umgang miteinander fördert”. Die ausgelassende Stimmung bei der Siegerehrung in der Surfbar war ein gutes Zeichen für die Veranstalter aus dem fernen Südhessen, die sicher sind, “daß es die A5 Surf Challenge” auch im nächsten Jahr wieder geben wir. Mit größerer Teilnahemerzahl vermutlich – denn Wellenreiten liegt im Trend.

Warum sich die Surfer regelmäßig ausgerechnet in Darmstadt treffen, läßt sich nicht mit der Nähe zum Woog erklären. Die Lösung liegt im Darmstädter Stadtteil Bessungen. Dort ist der Sitz des Surfreisveranstalters Wave -Tours, der Camps unter anderem in Frankreich und Portugal veranstaltet. Weil sich die Teilnehmer in den Camps schnell näher kommen, ist vor zwei Jahren die spontane Idee entstanden, einen Verein zu gründen und so weiterhin in Kontakt zu bleiben. Als verbindende Straße machte man die A 5 aus. So war der Name schnell gefunden, und die “A5 Surf Locals” sind zur Anlaufstelle für alle Surfer in Darmstadt und Umgebung geworden.

Trost brauchen die Mitglieder der A5 Surf Locals die meiste Zeit des Jahres, denn Darmstadt bietet für die Wellenreiter keine Trainings-möglichkeit; nur das Paddeln kann man im Woog üben – wozu freilich niemand Lust hat. Paddeln ist zwar eine wichtige Voraussetzung für das Surfen, aber kein Ersatz.

Einen kleinen Fluß in eine stehende Welle umzubauen, wie in München mit dem Eisbach geschehen, ist der Traum des Darmstädter Klubs. Dann wären die Voraussetzungen gegeben, das ganze Jahr über zu surfen. Aber Darmstadt hat nicht nur keine Strände, sondern auch kein fließendes Gewässer, das entsprechende Möglichkeiten böte. So bleibt den örtlichen Wellenreiter nur, hin und wieder die Bretter ins Auto zu packen und über die A5 und andere Autobahnen in Richtung Süden oder Westen zu fahren. Dem Meer und den Wellen entgegen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Montag, den 18.09.2000

EVA TILGNER

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